Ist die Impfung wirklich die Lösung aller Probleme?

 

Im Alltag endlich wieder zur „Vor-Corona-Normalität“ zurückkehren – das erhoffen sich viele von der baldigen Verfügbarkeit eines Impfstoffes. Diese Hoffnung ist aber möglicherweise trügerisch, wie Prof. Dr. Malik Peiris und Prof. Dr. Gabriel M. Leung von der University of Hong Kong in der Fachzeitschreift The Lancet darstellen.1

 

Dieser Artikel basiert auf der Publikation von Peris und Leung in The Lancet (2020).1 Redaktion: Maria Weiß.

Die Zulassung einer ersten Generation von Covid-19-Impfstoffen wird Ende 2020 oder Anfang 2021 erwartet. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass damit der Pandemie rasch ein Ende gesetzt wird, so die Autoren. Drei entscheidende Aspekte müssen geklärt werden:

1. Kann ein Impfstoff überhaupt die weitere Übertragung von SARS-CoV-2 verhindern?

Bei einer gegebenen Reproduktionsrate von 4 müssten 25 bis 50 % der Menschen immun gegen das Virus sein, um eine weitere Ausbreitung in der Bevölkerung zu verhindern. Von einer Impfung verlangt die WHO, dass sie das Krankheitsrisiko um mindestens 50 % reduziert, in der Praxis sind es oft nur 30 %.

Zudem ist nicht gesagt, dass der eigene Schutz vor der Erkrankung durch die Impfung auch eine Übertragung auf andere Menschen ausschließt. So haben Tierexperimente an Primaten gezeigt, dass die Impfung zwar die Symptome und die Viruslast in den unteren Atemwegen reduziert – in den oberen Atemwegen waren aber immer noch lebensfähige Viren nachweisbar. Wie das beim Menschen nach der Impfung aussieht, bleibt abzuwarten.

Auch viele immunologische Fragen sind noch ungeklärt. Unklar ist bei natürlicher und passiver Immunisierung z.B. die Rolle schon vorher besehender neutralisierender Antikörper, die Bedeutung der mukosalen Immunität sowie der Antikörper-abhängigen zellvermittelten Zytotoxizität und der T-Zell-Immunität.

2. Wie lange währt der Schutz vor der Erkrankung durch die Impfung?

Um diese Frage zu klären, müssten zuerst Prävalenz und Dauer neutralisierender Antikörper-Antworten nach einer natürlichen Infektion besser untersucht werden. Dazu bräuchte man aussagefähigere Neutralisationstests, bei denen Lebendviren verwendet werden. Von den Erkältungs-Coronaviren weiß man, dass der Schutz nach einer Erkrankung weniger als ein Jahr anhält.

Auch Untersuchungen der verwandten MERS-Infektionen in Dromedar-Populationen gibt keinen großen Anlass zur Hoffnung. Hier zeigte sich, dass trotz hoher (> 90%) Seroprävalenz bei jungen und erwachsenen Kamelen die Erkrankung immer noch endemisch auftritt. Die Virusübertragung scheint also durch eine frühere Infektion nicht unbedingt funktionell unterbrochen zu werden.

Für die Autoren ist damit klar, dass eine Rückkehr zur Normalität nach Einführung der Impfung möglicherweise auf illusorischen Annahmen beruht.

3. Wer sollte überhaupt zuerst geimpft werden?

Hier gibt es ganz unterschiedliche Strategien. Ein Ansatz wäre, zuerst besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen mit hohem Risiko für schwere oder tödliche Covid-19-Verläufe zu impfen. Allerdings sind Impfstoffe z.B. gegen Influenza bei älteren oder komorbiden Menschen oft weniger wirksam als bei Jüngeren. Wie das bei der Covid-19-Impfung aussieht, ist noch unklar.

Ein anderer Ansatz zur Verteilung des Impfstoffs wäre es, das individuelle Infektionsrisiko und die Bedeutung des Ausfalls einer Person für die Gesellschaft in die Entscheidung einfließen zu lassen. Danach wären dann Mitarbeiter im Gesundheitswesen, aber auch Lehrkräfte und alle Menschen mit systemrelevanten Jobs erste Kandidaten für eine Impfung.

Auch der zunehmende Einfluss von Impfgegnern sollte von der Politik im Auge behalten und nicht unterschätzt werden. Angesichts der weltweiten Ausbreitung von Covid-19 ist die Verteilung von Impfstoffen zwischen den strukturelle und ökonomische sehr unterschiedlich aufgestellt Ländern eine weitere Herausforderung – auch angesichts der z.T. wieder gewonnen Reisefreiheit.

 

Das Fazit der Autoren: Zweifellos brauchen wir die Impfung, um die Pandemie einzudämmen. Selbst wenn dadurch keine Herdenimmunität erreicht wird, lassen sich wahrscheinlich besonders gefährdete Menschen vor schweren Verläufen schützen. Es ist aber wichtig den Menschen klar zu machen, dass die Impfungen der 1. Generation nur eines der Werkzeuge im Kampf gegen Covid-19 sein werden und Maßnahmen wie Abstand, Mund-Nasenschutz und Händehygiene wahrscheinlich noch längere Zeit notwendig bleiben werden.

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